Gibt es eigentlich Telefon in deinem Dschungel?


Frauke Kess - Ein Tag bei Copi-AGM-Kantor in Sumur

Sonntag, 18.01.04
Beginn meiner Reise 7.00 Uhr morgens, Jakarta, Jl Jaksa. Mein Fahrer wartet schon vor dem “Tourist-Booking” auf mich. Er spricht kein Englisch und meine zwei Brocken Indonesisch sind auch keine wirkliche Hilfe, so wird es eine schweigsame Fahrt. Nach dem Stress und Tumult der Grosstadt eine willkommene Abwechslung für mich.
Aus meinem Indonesischen Wörterbuch krame ich noch das Wort “saudara” für Bruder, ja den möchte ich besuchen. Mein Fahrer lächelt und macht mir durch Zeichensprache deutlich, dass er versteht.
Eine weitere Übung im Loslassen, ich hoffe inständig er kennt den Weg und mir kommen noch Gedanken wie “hätte ich doch noch ein bisschen mehr Indonesisch gelernt”; “wann war das Auto wohl zum letzten mal beim TÜV (gibt es hier überhaupt so etwas???)” und “hoffentlich sind die Bremsen noch o.k.!“
Die restliche Kommunikation mit meinem Fahrer beschränkt sich auf ein etwa stündliches gegenseitiges anlächeln und einem Stop mit fragendem Blick: “toilet?”.
So bleibt mir Zeit in die Umgebung einzutauchen, meinen Gedanken nachzuhängen und die Menschen zu beobachten. Das gesamte Leben scheint sich hier auf den Strassen abzuspielen. Essen, Reden, Arbeiten, Schlafen…. Mir kommt ständig der Vergleich mit deutschen Gewohnheiten in den Sinn. Wie chaotisch mir hier alles erscheint. Kein Haus gleicht dem anderen, gegessen wird am Straßenrand und kein Vergleich zu deutschen Normen… Auch das noch immer neu und fremd. Langsam gewöhne ich mich daran.
Wir fahren durch größere Städte die auf den ersten Blick nichts einladendes haben. Viel Verkehr, Lärm und auch hier- Müll. Er liegt auf der Strasse, fliegt durch die Luft, wird achtlos weggeworfen. Manchmal stehen vereinzelt Abfalleimer aus denen der nächste Wind den Müll erneut durch die Strassen wirbelt. Ja, es gibt aus meiner/unserer Sicht viel zu tun hier. Die Menschen gehen damit um. Ob es sie selber stört?
Wir erreichen die Küstenstrasse. Die Aussicht auf das Meer ist herrlich.
Die Zeit vergeht schnell. Viel grün, immer wieder Straßenzüge mit Häusern, z.T. edle Touristen Ressorts dann wieder einfachste Bambushäuser. Auch hier der Kontrast riesig. Die Straßenverhältnisse werden immer schlechter.
Woran erkenne ich eigentlich, dass wir in Sumur angekommen sind? Vielleicht sind wir schon vorbei gefahren? Habe vergessen zu fragen… Für mich gleicht hier ein Ort dem anderen und meine Unterscheidungskriterien entwickeln sich erst langsam. Loslassen… Nach ca. 5 Stunden Fahrt zeigt mein Fahrer dann auf das Ortsschild “Sumur”. Das erste und einzige das ich auf der ganzen Fahrt wahrgenommen habe.
Mein Fahrer fragt noch nach “AGM” und wir bekommen die Richtung gezeigt. Auf einem großen Schild steht “Kantor-AGM”, endlich, wir sind da! Ich bin erschöpft und froh, dass wir unser Ziel erreicht haben.
Reingard, Volker und Edi erwarten uns schon. Zur Begrüßung bekommen wir eine frische Kokosnussmilch und das tut richtig gut.
Ich schaue mich um. Reingard und Volker, die bereits seit 10 Tagen hier sind, haben sich in dem neu entstandenen Guesthouse eingerichtet, ich quartiere mich ebenfalls dort ein. Für den Fahrer gibt es eine Übernachtungsmöglichkeit im Hauptgebäude, das aus einem Besprechungsraum, einem Store-room, zwei kleinen Büroräumen mit PC, einem Vorraum sowie zwei weiteren Schlafgelegenheiten besteht. Endlich bin ich einmal persönlich vor Ort und die Arbeit von Copi sowie die Bilder und Berichte aus dem Internet bekommen langsam leben. Ich erinnere einzelne Details, die Personen bekommen Stimmen und ich kann die Atmosphäre aufnehmen. Es ist viel passiert hier! Das Guesthouse ist so gut wie fertig, es ist gemütlich und hat alles was man braucht.
Es gibt eine überdachte Müllsammel- bzw. trennungsstelle, überall hängen Tafeln mit Namen, Daten und Zahlen. Viele neue Ideen sind in Planung.
Gleich zu Beginn treffen wir auf sieben Frauen von dem neuen Frauenprojekt. Ich werde herzlich begrüßt. Durch die Renovierung des Haupthauses kann der Besprechungsraum von ihnen als Treffpunkt genutzt werden um Einzelheiten und weitere Schritte des Projektes zu planen.
Ziel ist es, die Selbständigkeit der Frauen zu fördern u.a. in Hinblick auf den Umgang mit Computern, Englischkenntnissen, dem Umgang mit Behörden, den Zugang zu Informationen und Weiterbildungsmoeglichkeiten und natuerlich das Kompostprojekt.
Es werden Impulse gegeben, es wird diskutiert, geplant und im Vordergrund steht zur Zeit die Entwicklung eines arbeitsfähigen Frauenteams. Dies gestaltet sich immer wieder auch schwierig. Traditionen wollen berücksichtigt werden, alte Verhaltensmuster kollidieren mit neuen Ideen und Anregungen. Macht spielt auch in diesen Zusammenhängen immer wieder eine große Rolle. Wer übernimmt welche Funktion, wer ist für die Verwaltung der Gelder in welchem Maße zuständig, wer übernimmt welche Aufgaben? All diese Prozesse bedürfen einer intensiven Begleitung die durch Reingard, Volker und Edi geleistet wird. Sie begleiten die internen Prozesse und stehen hilfreich zur Seite bei Fragen und Unsicherheiten. Das Hauptaugenmerk liegt darauf die Menschen vor Ort darin zu unterstützen eigene Entscheidungen, Lösungswege und Kommunikationsstrukturen zu entwickeln. Ein langwieriger und auch manchmal frustiger Prozess, wenn vermeintlich alles im Chaos versinkt und sich dann doch auf wundersame Weise ein arbeitsfähiges Team herausbildet. Ja, die Mühe lohnt, das Reden, das Diskutieren und auch das Konfrontieren. Es bewegt sich ganz viel hier, dass spüre ich schon nach kurzer Zeit. Am meisten beeindruckt mich die freundliche, geduldige und wertschätzende Herangehensweise von Reingard und Volker. Es bedarf eines großen Einfühlungsvermögens und Verständnisses dieser so ganz anderen Kultur, die manchmal so unverständlich und fremd erscheint und dann doch auch wieder so viele Parallelen zu uns Europäern aufweist. Spannend!
Im hinteren Teil des Grundstückes treffen wir dann auf die drei Arbeiter, die sich mit der Müllsammlung und –trennung beschäftigen. Auch sie begrüßen mich herzlich.
Und dann muss ja noch ein Name für das neue Guesthouse her! Nach langem hin und her einigen wir uns auf „Villa-AGM“ und der Name findet auch bei Edi anklang!
Obwohl meine Zeit in Sumur sehr begrenzt war, habe ich doch einen tiefen Einblick in die Arbeit vor Ort bekommen. Die Theorie wurde für mich plötzlich Praxis und ich bin voller Bewunderung für die tatkräftige Unterstützung die Copi hier leistet!
Während meines gesamten Indonesienaufenthaltes ist mir die Müllproblematik mehr als eindrücklich bewusst geworden. In Sumur hat Copi in Kooperation mit den Menschen vor Ort einen aktiven Schritt in Richtung Müllmanagement getan. Mittlerweile hat die Arbeit von Copi auch große Anerkennung bei öffentlichen Stellen gefunden. Mit dem erfolgreiche Arbeiten geht jedoch auch das Anwachsen der anfallenden Aufgaben wie z.B. administrative Tätigkeiten, Gespräche und Antragsstellungen bei potentiellen Geldgebern wie Konsulaten, Stiftungen usw. und natürlich die konkrete praktische Arbeit vor Ort mit den hier lebenden Menschen einher.
Eine großes Problem besteht darin, dass bei der Beantragung von Geldern zwar die Kosten des Projektes abgedeckt werden, nicht jedoch das Honorar für die wichtige Arbeit des Coaching, wie es hier z.Zt. durch Reingard und Volker geleistet wird. Sprich Reingard und Volker arbeiten hier völlig ehrenamtlich. Das muß sich ändern! Ziel ist es, wenigstens die Reisekosten, wenn möglich natürlich auch ein angemessenes Honorar für die fachliche Begleitung des Projektes bereit zu stellen. Ein Baustein sind die Spendengelder die durch die Mitglieder an Copi gehen. Diese reichen bisher jedoch bei weitem nicht aus und es gibt dringend Handlungsbedarf um die notwendige Begleitung des Projektes zukünftig sicherstellen!

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